Chatten

Chat aus dem englischen übersetzt steht für plaudern, unterhalten. Damit bezeichnet man die elektronische Kommunikation in Echtzeit.

Nichts ist so gemeinschaftsstiftend, wie das Gespräch zweier Personen in Echtzeit.

Dieses Werkzeug der Kommunikation, „der Chat“  wird im pastoralen Bereich zuweilen sehr kümmerlich behandelt, dennoch ist dieses Instrument geradezu hervorragend geeignet, mit Menschen aus den verschiedensten Lebensumfeldern in Kontakt zu treten um sich über Glaubensinhalte, Lebensfragen, ja über die frohe Botschaft Jesu Christi auszutauschen. Die Erfahrungen verschiedener Projekte aus einzelnen Bistümern wie Hildesheim oder Freiburg lehrt, dass dort,  wo Kirche virtuell und in Echtzeit präsent ist, Menschen wieder zum Glauben finden können, andocken können, weil die Kirche in eines ihrer Lebensmilieus eingedrungen ist und dort ihre Aufgabe der Verkündigung und Evangelisation wahrnimmt.

Nehmen wir Bezug zur realen Welt – man kann leicht erkennen, dass der Sonntagsplausch nach dem Gottesdienst auf dem Kirchplatz, den Kirchenbesuchern wohl tut. Der „männliche Frühschoppen in den 50ziger und 60ziger Jahren“ nach dem Kirchgang war volkstümlich gesehen ein fester und traditioneller Bestandteil des Gottesdienstes. Und dieser trug ein Merkmal: Unterhaltung und Kommunikation. 

Moderne Gemeindeformen gehen dazu über, nach einem Gottesdienst regelmäßig einen Sonntagscafe anzubieten, der wiederum auch eines stärken soll: Austausch und Kommunikation, eine festere Anbindung an die Gemeinde.

Für die virtuelle Welt gelten ähnliche Gesetze: Austausch und Kommunikation bilden Gemeinschaften. Nichts anderes spiegeln die „Internet Communitys“ wieder.

Durch den aktiven und zeitgleichen Austausch haben sich Gemeinschaften gebildet und sie bilden sich weiterhin, jedoch fernab vom kirchlichen Bezug, weil die pastorale Ausrichtung in diesem Bereich nicht präsent genug ist. Wie rasant eine solche virtuelle Community wachsen kann, erkennt man an der Plattform „studi-VZ“ – das Studentenverzeichnis ist ein webbasiertes, soziales Netzwerk und wurde im Oktober 2005 gegründet. Ursprünglich war es für die 2,3 Millionen Studenten in Deutschland, Österreich und der Schweiz konzipiert. Im ersten Quartal 2008 hatte studi-VZ rund 5,5 Millionen Unique User und zählte damit zu den erfolgreichsten Online-Medien in Deutschland. Das grösste soziale Netzwerk Facebook zeigt eine noch rasantere Entwicklung auf.

Nun soll man sich im pastoralen Bereich von solchen Erfolgsmeldungen nicht zu stark beeindrucken lassen, schon allein aus der Erkenntnis heraus: Erfolg kann man planen – eine Frucht hingegen muss wachsen. Dennoch ist dieses Beispiel exemplarisch dafür, dass Menschen sich virtuell-sozial, gemeinschaftlich binden. Die Kirche als „communio“ ist ja aus ihrer Entwicklung heraus eine der ersten, sozialen Gemeinschaften. Könnte es von daher ein bestrebtes Anliegen, eine  „Vision“ sein, dass sich diese „communio“ eben auch in den virtuellen, sozialen Gemeinschaften wiederfindet und sich durch das Chatten vernetzen? In der sich Christen aus den deutschsprachigen Ländern, aus den unterschiedlichen Bistümern, aus den verschiedenen Dekanaten und letztlich aus den unterschiedlichen Heimatgemeinden auf einer gemeinsamen Chat-Plattform verbinden?!

Grade diese webbasierte Vernetzung untereinander lässt Potentiale der nachfolgenden Generationen frei werden, die für die pastorale Tätigkeit in der virtuellen Welt benötigt werden, um die Aufgabe der missionarischen und evangelisierenden Berufung wahrzunehmen. 

Religiöse Kommunikation und Spiritualität im Internet räumen den großen Kirchen keinerlei Privilegien mehr ein, wie es zum Beispiel beim Rundfunk immer noch ist. Ich empfinde das als Herausforderung, vielleicht sogar als klaren Vorteil. Religiöse Kommunikation findet im Internet auf höchst unterschiedlichem Niveau statt. Etwas direkter: Auch der letzte religiöse oder theologische Spinnkram wird sich dort finden. Dem kann nicht mehr durch Reglementierung entgegengegangen werden, sondern ausschließlich durch „gute Beispiele“ einer solchen Webkommunikation und -spiritualität. Dieses ist eine genuine Aufgabe der verfassten Kirchen: Sie müssen sich in diesen offenen, durch keinerlei Konventionen geschützten Raum begeben, und dort „Qualitätskommunikation“ zeigen.

© Dr. Bernd Michael Haese (Wie heilig ist der Cyberspace 2.0) Das Internet als Ort für Spiritualität – Fachvortrag 2008

 

Ein heutiger Blick auf die websites der verschiedenen Pfarrgemeinden unserer Bistümer und Diözesen zeigt jedoch immer noch den typischen Schwerpunkt der Informationsübermittlung und sehr selten dem Kommunikationsaustausch, auf.  

 

Was fehlt? Ein Austausch, eine Kommunikation in Echtzeit. Der „virtuelle Kirchplatz“, den ich betreten kann, um dort Menschen aus meiner nahen Umgebung virtuell zu treffen und um mich zu unterhalten über „Gott und die Welt“.   

Woran mag es liegen, dass die Gemeinden eines Bistums nicht virtuell über ein Chatsystem vernetzt werden?